Was bedeutet Open Access?

Ein Stück vom Kuchen für jeden

Bildnachweis: Hugo Aitken on Unsplash

Stellen Sie sich vor, Sie kaufen beim Bio-Bauern in der Nähe knackige Äpfel und backen daraus unter Anleitung Ihrer Freundin einen saftigen Kuchen. Ihre Freundin lässt Sie den Kuchen aber nur essen, wenn Sie dafür bezahlen.

Klingt unlogisch und Sie würden sich darüber bestimmt aufregen?
Etwas Ähnliches passiert aber im derzeitigen Publikationssystem von Artikeln in wissenschaftlichen Fachzeitschriften. Möchten Sie ein Stück vom eigenen Kuchen abbekommen oder Ihren Kollegen mitbringen, müssen Sie dafür zahlen.


Wie sieht der Publikationsprozess von Fachartikeln aus?

Wissenschaftler werden in öffentlichen Forschungseinrichtungen für ihre Arbeit bezahlt. Ihre Ergebnisse verbreiten sie über renommierte Fachzeitschriften, bei welchen sie ihre Artikel einreichen. Die eingereichten Artikel werden begutachtet von Kolleginnen und Kollegen ihres Fachs (Peer Review) und vom Verlag publiziert. Um nun auf den publizierten Artikel zugreifen zu können, werden Lizenzgebühren von der Institution der Forscher entrichtet.

Die öffentliche Hand bezahlt also einerseits die Forscher und Reviewer für ihre Arbeit und dann andererseits die Verlage noch einmal für die Ergebnisse dieser Arbeit, indem sie die Veröffentlichungen lizenziert.

Das Prinzip des Open Access hingegen gibt jedem Autor, Reviewer und Studenten weltweit und kostenlos ein Stück vom Kuchen ab, den alle gemeinsam backen. Open Access meint den kostenlosen und uneingeschränkten Zugang zu wissenschaftlichen Informationen.

Wie hat sich die Rolle der Verlage im Publikationsprozess geändert?

Verlage hatten und haben eine wichtige Position beim wissenschaftlichen Publikationsprozess. Sie wählen unter anderem Arbeiten nach fachlichen Kriterien aus, stellen Lektoren, aggregieren Zeitschriftenausgaben, drucken und verbreiten die Inhalte. Die Kosten, die den Verlagen entstehen, werden über die Zeitschriften-Abonnements der Hochschulen und Forschungsinstitutionen gedeckt.

Dieses Modell hat sich durch das Internet jedoch zwangsweise geändert. In vielen wissenschaftlichen Bibliotheken machen frühere Zeitschriftenauslagen Platz frei für Gruppenarbeitsplätze. Denn gedruckte Zeitschriften sind aus manchen Fachbereichen komplett verschwunden. Die Zeitschriften werden rein digital veröffentlicht und sind direkt beim Verlag oder über Datenbanken online zugänglich. Hier bemerkt man die klassischen Zeitschriften-Hefte mitunter nicht einmal. Denn eine Zeitschrift wird nicht von vorne bis hinten durchgeblättert, auf der Suche nach den neusten Ergebnissen des eigenen Fachs. Es wird eine Suchabfrage erstellt, die über einzelne, interessante Artikel automatisch informiert.

Der Weg von gedruckten Zeitschriften hin zu rein online veröffentlichten Artikeln sollte an und für sich zu Verbesserungen des Publikationsprozesses führen. Die langwierigen Druck- und Verbreitungsschritte der Verlage fallen weg, sodass neue Erkenntnisse schneller verbreitet werden sollten. Der Autor könnte direkt Einfluss auf die Distribution seiner Ergebnisse haben und sie sofort online stellen. Neben der Zeit sollten sich durch die Digitalisierung auch Kosten sparen lassen. Der Upload beispielsweise bei Preprint-Servern wie arXiv oder institutionellen Publikationsservern ist kostenlos.

Das Problem ist jedoch die Konzentration der Veröffentlichungen auf einige wenige, große Wissenschaftsverlage. Da diese die renommiertesten Zeitschriften listen, möchten sowohl Forschende ihre Arbeiten dort veröffentlichen als auch die Arbeiten der Kollegen des Fachs dort lesen. Der Einfluss der Verlage hat mit der Digitalisierung und dem Wegfall verlegerischer Produktionsschritte nicht abgenommen.

Der Druck, unter dem Wissenschaftler stehen, wird greifbar unter der gängigen Redewendung „publish or perish“. Bisher fällt insbesondere bei jungen Wissenschaftlern die Wahl bei der eigenen Veröffentlichung auf eine etablierte Zeitschrift des Fachs, um sich einen Namen zu machen. Die Reputation einer Zeitschrift ist die Währung. Bei der Veröffentlichung in einer angesehenen Zeitschrift steigt die Aussicht auf Fördergelder, eine Festanstellung und damit einhergehend die eigene Reputation in Fachkreisen.

Diese Nachfrage erlaubt es den Verlagen, die Preise der Lizenzen für ihre namhaften Zeitschriften zu erhöhen. Die Preise der Abonnements werden laut Elsevier unter anderem an den verlegerischen Prozessen, den Auflagen der Zeitschriften, deren Qualität und Nutzung festgemacht. Die Steigerung führte zur sogenannten „Zeitschriftenkrise“, da die Institutionen (meist deren Bibliotheken) die Preise bei gleichzeitig stagnierenden oder gar sinkenden Budgets nicht mehr bezahlen konnten.

Durch die Erhöhung der Preise wurde die Verbreitung der Forschungsergebnisse über das Internet nicht verbessert, sondern gar verschlechtert. Da der Zugriff limitiert wird, setzen sich illegale Verbreitungswege weiter durch.


Welche aktuellen Entwicklungen des Open Access gibt es?

Der Wissenschaftsverlag Elsevier wird inzwischen von einigen Hochschulen und Forschungseinrichtungen boykottiert, um den Teufelskreis zu durchbrechen. Die Institutionen bieten keinen Zugriff mehr auf Artikel, die bei Elsevier veröffentlicht wurden. Zusätzlich kommen auch einige Journals dem Verlag abhanden und gründen eigene Open-Access-Zeitschriften. Bei der Veröffentlichung in Open-Access-Zeitschriften werden die Verleger häufig für ihre Arbeit bereits vor einer Veröffentlichung bezahlt. Die Forscher als Autoren zahlen dem Verlag eine Gebühr aus dem eigenen Budget, um ihren Artikel veröffentlichen zu können. Diese “article process charge” (APC) gewährt im Gegensatz zu einer vermutlich höheren Lizenzgebühr allen Menschen Zugriff auf die Veröffentlichung.
Beim deutschen „Projekt Deal“, zu dem sich die Hochschulen und Forschungseinrichtungen 2016 zusammengeschlossen haben, lassen sie ihre institutionellen Lizenzverträge mit den Groß-Verlagen auslaufen. Die Absicht der Initiative ist es, stattdessen bundesweite Lizenzverträge abzuschließen mit obligatorischem Open Access für Veröffentlichungen. Die beteiligten Einrichtungen knüpfen die begehrte Festanstellung wohl nicht an Veröffentlichungen in Zeitschriften des boykottierten Verlags.

Wie sieht es jedoch bei den Fördergeldern aus? Die EU-Kommission und der europäische Forschungsrat unterstützen ab 2020 nur noch Open-Access-Publikationen im Rahmen der “cOAlition S”. Sie zahlen dabei den Forschern die Publikationsgebühren für Veröffentlichungen in Open Access-Journals. Die Deutsche Forschungsgesellschaft ist jedoch nicht Teil der Gemeinschaft.


Volltext-Zugriff in Literaturverwaltungsprogrammen

Befinden Sie sich zuhause in einem privaten Netzwerk oder sind unterwegs, stehen Ihnen Open-Access-Artikel direkt zum Abruf über die Titeldaten in Ihrem Literaturverwaltungsprogramm zur Verfügung. Citavi nutzt für die Suche nach frei verfügbaren Volltexten unter anderem die Dienste Unpaywall und das Directory of Open Access Journals. Auch Zotero hat Unpaywall als Dienst ergänzt.

Führen Sie eine erste Suche nach Volltexten ohne Verbindung zu Ihrer Institution von zu Hause durch. Sie werden je nach Fachbereich viele oder kaum Volltexte erhalten. Insbesondere in den Naturwissenschaften ist das Prinzip des Open Access weit verbreitet.

Wurden Sie bei dieser Suche kaum fündig oder ein bestimmter, wichtiger Artikel steht noch immer nicht zum Lesen bereit? Stellen Sie dann eine Verbindung zu den von Ihrer Hochschule oder Universität lizenzierten Datenbanken her.

Zugriff auf von Ihrer Institution lizenzierte Volltexte bekommen Sie, wenn Sie in den Optionen von Citavi (Extras > Optionen > RSS/OpenURL) die EZproxy und OpenURL oder HAN-Adresse Ihrer Institution eintragen. Finden Sie Ihre Institution nicht in der Liste, fragen Sie bei Ihrer Bibliothek nach den Verbindungsdaten. Nicht alle Institutionen bieten einen der genannten Dienste an.
Dann nutzen Sie eine VPN-Verbindung zum Netzwerk Ihrer Institution, um auf deren lizenzierte Volltexte zugreifen zu können. Auch hier unterstützt Sie Ihre Bibliothek oder IT bei der Einrichtung, dass Sie zu Ihrem eingangs erwähnten Kuchenstück kommen!

 

Wie halten Sie vom Open-Access-Modell? Welche Einstellung haben Sie zum Fall Elsevier? Wir sind gespannt auf Ihre Meinung auf Facebook.

 

Zur Vertiefung:

Informationsplattform Open Access: https://open-access.net

Erstellt von: Jana Behrendt – Veröffentlicht am: 09.04.2019
Tags: Gut zu wissen


Über Jana Behrendt

Jana Behrendt interessiert sich für alles rund um die persönliche Wissensorganisation – wie man es von einer studierten Bibliothekarin erwarten würde. Dafür liest sie in Ihrer Freizeit ziemlich wenig. Sie liebt es aber, in den Schweizer Bergen zu wandern – solange sie nicht nach unten schauen muss.

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